Pizarro

Reiseberichte aus dem Sanella-Album Mittel- und Südamerika

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Seite 57

Da war ein großer, viereckiger Platz mit Palast, Säulenhallen und Sonnentempel. Ringsum verstreut die Häuser der Landbewohner, Terrassen und Kanäle, wohlbebautes Ackerland bis hoch in die Berge hinauf. Aber was war das? Hinter der Stadt lagerte ein gewalliges Heer. Pizarro überlegte nicht lange. Hier halfen nur Mut und List. Er sandte eine kleine Gesandtschaft zum Herrscher der Inkas in die Ebene hinab. Verwundert empfing Atahualpa die seltsamen Wesen, die sich ihm da in schimmernder Rüstung und auf nie gesehenen Vierbeinern näherten. Die Indianer kannten noch keine Pferde. Der Inkaherrscher bot den Spaniern seine Residenz gastfreundlich als Wohnung an. Die Spanier besetzten die Plätze und Paläste. Pizarro überlegte, wie er mit der gewaltigen Übermacht fertig werden sollte. Auf einen Kampf durfte er es nicht ankommen lassen. Hier half nur ein tollkühner Überrumpelungsversuch.

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Atahualpa kam zum Gegenbesuch. Sorgfältig hatte Pizarro seine Leute verteilt, der Platz vorm Palast war umstellt. Hinter dem goldenen und edelsteingeschmückten Tragsessel des Inkaherrschers schritten sechstausend festlich geschmückte Krieger. Im Hintergrund lagerten noch weitere fünfundzwanzigtausend. Vor Sonnenuntergang langte der Inka auf dem Platz an. Aber zur Begrüßung trat ihm nur ein Mönch entgegen, der ihn in glühender Rede, vom indianischen Dolmetscher übersetzt, aufforderte, den christlichen Glauben anzunehmen und Freund des fernen spanischen Königs zu werden. Atahualpa ließ zurückfragen, woher der Mönch denn die Kunde von jenem neuen Glauben habe. Man übergab ihm die Bibel. Noch nie hatte der Inka ein Buch gesehen; in seinem Reiche gab es keine Schrift. Er blätterte darin; die seltsamen schwarzen Zeichen waren ihm unverständlich. Dann ließ er das Buch verächtlich zu Boden fallen. Das war das Zeichen! Der Inka hatte Gottes Wort mißachtet. Mit Donnergetöse brach der Angriff herein. Die Geschütze dröhnten, die Hakenbüchsen krachten. Die Inkakrieger packte Entsetzen. Sie flohen, und so fiel ihr Herrscher lebend in die Hände der Spanier.

Als Lösegeld ein Raum voll Gold

Mit einem Handstreich war das Reich der Inkas erobert. Atahualpa wurde von Pizarro gefangengesetzt. Er hatte längst gemerkt, was die Feinde lockte. Darum bot er Pizarro als Lösegeld einen ganzen Raum voll Gold. Sieben Meter war das Zimmer lang und sechs Meter breit. So hoch, wie der längste seiner Männer reichen konnte, sollten die Schätze aufgeschichtet werden. Pizarro willigte ein und versprach, Atahualpa freizulassen, sobald er sein Versprechen erfüllt hätte. Nun schleppten die Inkakrieger unermeßliche Schätze heran. Täglich trafen Lasten reinen Goldes aus allen Teilen des Reiches ein. Aber der grausame Pizarro blieb argwöhnisch. Was würde Atahualpa tun, wenn er die Freiheit wiedererlangte? Inzwischen häuften sich noch immer die Schätze. Noch nie hatte man vorher eine solche Beute gemacht.

Atahualpa besteigt den Scheiterhaufen

Die Spanier hatten inzwischen auch im Lande überreichlich gefunden, was sie suchten. Man brauchte den Inka deshalb nicht mehr als Pfand. Ließ man ihn frei, konnte er ein Heer sammeln und den noch immer zahlenmäßig unterlegenen Eroberern gefährlich werden. Also wurde ihm der Prozeß gemacht. Das Urteil lautete: Tod auf dem Scheiterhaufen. "Was habe ich denn getan, daß mich ein solches Schicksal trifft?" fragte der Inka erschrocken. Pizarro antwortete nicht, sondern ließ ihn gefesselt abführen. Als Atahualpa schon auf dem Scheiterhaufen stand, erklärte er sich bereit, Christ zu werden, in der Hoffnung, dann dem Flammentode zu entgehen. Man erfüllte seinen Wunsch, Der Unglückliche wurde getauft, konnte dadurch aber nicht dem Tode entgehen. So starb der letzte Herrscher der Inkas.

Die Inka-Götter rächen sich nicht

Neben Glücksrittern kamen Verbrecher und Abenteurer aus Europa in das überfallene Land. Unter ihren Plünderungen und Schandtaten ging das Inkareich zugrunde. Die Reste der Indianer zogen sich in die unzugänglichen Bergfestungen zurück und warteten, ob ihre Götter nicht eingriffen gegen den Frevel der weißen Eroberer. Aber nichts geschah. Unaufhörlich wurden die Schätze nach Europa geschafft. Pizarro herrschte in der neuen Hauptstadt Lima - einst ein einfacher Soldat, der nicht lesen und schreiben konnte, jetzt der Herr eines gewaltigen Reiches. Aber 1541 wurde er in Lima von den Anhängern einer Gegenpartei ermordet. Seine Gewalttaten hatten ihm kein dauerndes Glück gebracht.

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